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1925 wurde ich in Höxter an der Weser geboren. Das erste Buch, über
Kunst, das mir in die Hände fiel, war eine kleine Schrift über
Renoir. Darin war eine Landschaft abgebildet, die mich mehr aufregte als
Renoirs Akte. Sie war skizzenhaft gemalt und nur verschwommen erkennbar.
Ich begann zu begreifen, daß Darstellung der Realität nicht
an Wiedererkennbarkeit gekoppelt ist, sondern durch exakte Wiedergabe
verfälscht wird. Jahre später Iernte ich in einer Marburger
Klinik Reinhard Schmidthagen kennen. Er war ein junger Maler, Schüler
von Käthe Kollwitz, Durch ihn bekam ich den Ietzten Anstoß,
Maler zu werden, Durch seine Freunde, einen Kreis um den Kunsthistoriker
Hamann, gewann ich Einblick in den Widerstand gegen Hitler. Schmidthagen
arbeitete wie ein Besessener an großen Holzschnitten, die zur Beendigung
des Krieges aufriefen. Wenige Tage bevor die Amerikaner Marburg erreichten,
starb er. Seine Farben bekam ich. Nach dem Krieg lebte ich einige Jahre
in einer Holzhütte am Waldrand von Höxter. Ich malte von morgens
bis abends. Mein Vater gab den Versuch auf, mich, wie geplant, ins Büro
seiner kleinen Möbelfabrlk zu setzen. 1948 ging ich zu Willi Baumeister
nach Stuttgart. Die Bilder, die ich bis dahin gemacht hatte und in Ausstellungen
neben den nun nicht mehr verfehmten Meistern Nolde, Schimidt?Rottluff,
Heckel usw. zeigen durfte, verblassten durch die vielen neuen Eindrücke,
die ich an der von Kriegsschäden lädierten Akademie von Stuttgart
bekam. Als erstes sagte mir mein neuer Lehrer:
"Laß Deine Mappe zu!" Er wollte die Tastversuche seiner
Schüler nicht sehen. "Meine Aufgabe ist es, Euch zu leeren,"
(mit zwei e) erklärte er. Später habe ich das gut verstanden.
"Wir malen keine Bilder, wir studieren" ? oder - "Alles
in der Natur formt sich nach Kugel, Kegel und Zylinder." Cezanne
und die sich darauf aufbauenden Stufen des Kubismus waren die Grundlagen
unseres Studiums. Ocker, Schwarz und Weiß waren die Farben, Packpapier
und Zeitungen die Leinwand. Die Farbenlehre von Goethe und Oswald wurde
nur gestreift. "Nuancen von Weiß, Erdfarben sind Pensum genug.
Ob Rot, BIau, GeIb dazukommit, ist eure spätere Entscheidung. Für
Farben gibt es keine Regel ? das ist subjektiv, jedem überlassen."
Der Umgang mit den elementaren Mitteln der Malerei machte uns frei von
den fixierten Vorstellungen, die in jedem von uns spukten. Die "Leerung"
ließ es zu, neu zu beginnen, nach allen Richtungen, ob zu Bild,
Bühnenbild, Plakat oder was immer. Alles optisch wahrnehmbare muß
sich im Bild organisieren, Teil eines geordneten Ganzen werden. Die Bildelemente
werden benutzl zur Klärung, zu Schlußfolgerungen, zu Proportionen,
die zu neuen Kriterien führen und so die relative "Objektivität"
der Kunstbetrachtung beeinflussen. Baumeister verstand deutlich zu machen,
daß diese Einsicht auch eine Frage der Ökonomie ist im Prozeß
der Suche nach eigenen bildnerischen Ergebnissen. Das zu wissen war em
klarer Vorteil. Kurz, ich hatte das Glück, Schüler eines bedeutenden
Malers und des sicher besten Lehrers jener Zeit zu sein. Die Iangsame
Verlagerung meiner Bildelernente nach links Und rechts zu den Rändern
hin hatte schließlich die Konsequenz der Teilung meiner Bildfläche
durch eine Linie in der Mitte. Damit begann die Loslösung von meinern
Lehrer. Das geschah nach 4 Jahren. Der Kontakt blieb. Baumeister sagte
mir, daß er uns vermisse: "lch lerne von euch genausoviel wie
ihr von mir!" Ausgehungert von der langgeübten Sparsamkeit mit
Farben bekam Ich 1952 so etwas wie einen farbrausch. Mit den alten Ölfarben
von Reinhard Schmidthagen malte ich wochenlang an einern Bild, das sehr,
farbig werden sollte ? übrig blieb eine dünne schwarze Linie
auf grauem Grund und ein kleiner, blauer Keil. Die Bilder danach wurden
noch karger. Knapper wußte ich nicht mehr zu formulieren. Das war
1954. Die nächsten Jahre geriet ich in einen Kreis junger Architekten.
Wir schmiedeten Pläne für Häuser, Städte, Wände.
Geredet wurde über Material und die Verbindung unterschiedlicher
Materielien. Wir stritten über Le Corbusier, Doecker, Gutbier, Gutbrod,
Gropius, Frank Lloyd Wright, Mies van der Rohe. Ich baute Stühle,
töpferte, entwickelte Holzbilder, die durch ihre freien Räume
die Umgebung mitwirken ließen. Jahre mit Versuchen, die Isolierung
der bildenden Kunst aufzulösen im Rahmen des großen Spektrums
der angewandten Künste.
1956 kam zum Sohn eine Tochter. Geldverdienen! Vor der "Kunst am
Bau" durch einen Freund gewarnt, dessen Arbeiten immer verbindlicher
wurden, machte ich, um der Anpassung zu entgehen, einen Bogen urn die
Kunst Es entstanden Illustrationen nach Fotos, wie Fotos ? Cartoons ?
Layouts Parallel dazu meine Bilder. Nach kurzer informeller Zeit kehrte
die Kontrastkomposition immer deutlicher wieder. Mir wurde kiar, daß
dieses formale Gerüst die entscheidende Grundlage für meine
weitere Arbeit sein würde. In vielen Blättern fugte ich spontane
Zeichen an die gleichgroße, leere Hälfte des Bildes. beide
Hälften steigerten sich gegenseitig duch den Kontrast zu einer mir
nicht bekannten Intensität. 1962 fand ich die simpelste Verbindung
der Leinwände durch eine Naht. Die Bilder standen nebeneinander ?
ein leeres, ein gemaltes. Alles wurde nun zusammengenäht. Es war
nicht Zufall, es hatte Funktion: die Naht verband das Konträre. Die
"Coudrage" (coudre = nähen) war da. Den Namen erfand meine
Frau. Die "heilige Fläche" (Leonhard) war für mich
die leere Fläche ? das lntakte, Unberührte; verbunden damit
die gestaltete Fläche, aus Fäden und Farbe, gehalten von der
gefundenen Form. Ich unterwarf alle von mir erarbeiteten Formen dem Kontrastprinzip
Die Kieselsteinformen, nun mit dem Dreieck zwischen runden Formen. Figurativ
Assoziierbares mit gesteigerter Farbigkelt auf der bemalten Bildhälfte
beschäftigte mich etwa 3 Jahre. In der gleichen Zeit kamen plastische
Bilder dazu, in denen weiß in weiß mit Stoff überspannte,
gepolsterte Formen die feste Markierung der Formenumrisse durcn Farbflächen
überflüssig machten. Dazu entstanden Plastiken wie gefüllte
Säcke, die durch ihr Gewicht und ihre Beweglichkeit Faltungen wie
an griechischen Gewändern bildeten. Ich baute Treppen aus Stahl,
die mit sich verjüngenden Setzstufen zu einem geteilten Bild führen.
Plastiken mit Formen, die Menschen sein könnten, bewegt durch den
Wind. Rahmen aus Metall, an dem wie am Galgen eine Form aus Stahl sich
dreht ?das Pendant, weich, am Boden liegend, zerknautscht wie Kissen.
Nach diesen Versuchen blieb ich bei den Materialien Stoff, Fäden,
Farbe ? einer Skala von Mitteln, mit denen ich sagen konnte, was ich sagen
wollte. Ich war überzeugt, daß Malerei mit ihrer Faszination
ihren Geheimnissen, auch heute, mit den nur ihr zur Verfügung stehenden
spezifischen Mitteln machbar ist. Seit 1972 lebe ich in Spanien, Ibiza,
in einem Haus auf dem Lande. Warum? Ein Rückzug aus der täglichen
(kunst)politischen Auseinandersetzung ? leben wollen ohne Widerstand?
Sicher, wer im Gleichgewicht ist, macht keine Gedichte und geht auf keine
Barrikaden. Aber Gleichgewicht entsteht bei jedem anders und ist bei jedem
anders. Darum geht es nicht. Getauscht habe ich das Gerangel um Positionen,
den Konsum, den zermürbenden, täglich Druck, gegen: Mit sich
selber auskommen, Neigungen nachgehen, Holz sehen, grau und vertrocknet
von der Sonne, Wasser haben als Kostbarkeit, eine Ecke im Zimmer, wo ein
Feuer wärmt, Mücken, Staub, der Schatten eines Baumes. Viele
Bilder und Bilder, die noch zu malen sind. Ausscheren hat einen Preis,
aber auch einen Sinn.
Wenn ich heute gefragt werde, welche Malerei für mich wichtig war,
so möchte ich Mondrian nennen, die "Römischen Tagebücher"
von Gerhard Hoehme und das Bild "La Flagellacione" von Piero
della Francesca in Urbino. Mondrian beweist durch seine neuen Maße,
welche Macht Proportionen zukommt, und zeigt die Unerläßlichkeit
auf, Malerei nicht haltlos, ungeplant, ohne Begrenzung stattfinden zu
lassen. Hoehme verdeutlicht in seinen "Roernischen Tagebüchern"
mit nuanciert gemalten, kalligraphischen Zeichen Erleben, wobei seine
Textfragmente visuell mehr aussagen als ablesbare Worte. Um beide Pole
geht es mir, darum, alle bildnerischen Mittel zu berücksichtigen:
nämlich ein Bild nicht allein Empfindungen zu Überlassen oder
nur als Resultat systematischer Variationen der möglichen Vielfalt
an Proportionen zu sehen, sondern, wie Piero della Francesca, ein Gerüst
zu finden, in dem, unserer GegensätzIichkeit entsprechend, Platz
hat, was uns als Menschen ausmacht: Emotion und Verstand.
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